Perspektiven in New Adult Romanen
- 19. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Manche Bücher werden in der "ich-Form" geschrieben, andere in der dritten Person. Als Leserin gibt es verschiedene Vorlieben. Doch die Wahl der Perspektive ist nicht nur Geschmackssache. Und diese Wahl ausschließlich anhand einer Vorliebe zu treffen, kann ein ganzes Buch versauen.
Jede Erzählperspektive hat seine eigenen Vor- und Nachteile. Je nachdem, was man mit seiner Geschichte erreichen möchte, lohnt es sich diese Aspekte zu betrachten.
Der Allwissende Erzähler
Die Erzählperspektive kennen wir vorallem von Märchen, klassischer Literatur, Fantasy und Science Fiction. Der Erzähler ist niemand, der in der Handlung vorkommt. Er weiß alles und kann die Zusammenhänge reflektieren. Wir beobachten sozusagen die Geschichte aus der Vogelperspektive und können gleichzeitig die Gedanken der Charaktere hören.
Und genau deshalb eignet sich diese Perspektive für die bereits genannten Genre. Denn sie ermöglicht komplexe Handlungen übersichtlich zu halten und erzeugt Spannung dadurch, dass wir als Lesende oft mehr wissen, als die Figuren.
Durch den Allwissenden Erzähler wird auch ein detailliertes Worldbuilding möglich, denn in dieser Perspektive ergibt es Sinn den Lesenden die Kulisse oder das Magiesystem im Detail zu erklären.
Der neutrale Beobachter
Im Gegensatz zum Allwissenden Erzähler, kann der neutrale Beobachter nur das wiedergeben, was man Sehen kann und dies in den Kontext einordnen.
Die Gedanken der Figuren bleiben für uns Lesenden verborgen. Fast so als wäre man die Fliege an der Wand im Leben dieser Geschichte.
Der persönliche Erzähler
Wenn eine Geschichte von außen erzählt wird, aber nur die Gedanken und die Handlungen rund um eine Figur in der dritten Person erzählt, handelt es sich um den Persönlichen Erzähler.
In Deutschland ist diese Erzählperspektive am unbeliebteste, wenn man Lesende auf BookTok fragen würde. Aber der Blick auf die Bestsellerliste zeigt uns, dass sich diese Bücher sehr gut verkaufen. Denn Bücher wie Babel von R.F. Kuang, Heated Rivalry von Rachel Reid, The Love Hypothesis von Ali Hazelwood und alle Bücher von Sebastian Fitzek sind Bestseller, die in genau dieser unbeliebten Perspektive geschrieben wurden.
Was diese Perspektive so besonders macht? Sie ist näher an den Hauptfiguren dran, erzeugt Spannung durch Vor- und Rückblicke und kann durch den Blick von außen einen Film für uns beim Lesen erzeugen.
Der unmittelbare Ich-Erzähler
Diese Erzählperspektive wird aktuell als DER Trend in der deutschen New Adult Szene bezeichnet und findet sich in vielen Büchern, wie z.B. bei den Büchern von Ali Hazelwood, Bianca Iosivoni, Liz Tomforde, Anna Lane, Hannah Grace, Felicia Kingsley und vielen mehr.
Die Geschichte wird so erzählt, als wären wir mitten im Geschehen im Kopf der Protagonist*innen. Wir erleben ungefiltert die Emotionen und Wahrnehmungen.
Die große Besonderheit dieser Perspektive (wenn sie gelungen umgesetzt wird) ist, dass es keine Distanz zum emotionalen Erleben gibt. Wir erleben die Emotionen mit den Figuren, weil sie nicht nur benannt werden. Wir erleben sie durch Gedanken und Wahrnehmungen. Und das kann ungemütlich sein. Denn die Auflösungen erleben wir gemeinsam im Verlauf der Geschichte mit den Figuren zusammen.
Was jedoch viele an dieser Stelle falsch machen, ist zu viel zu benennen und zu wenig zu beschreiben. Viele Autor*innen kennen das, wenn sie im Lektorat gesagt bekommen, das sie zu viel Tell und zu wenig Show machen ("Show don't Tell"). Es wird dann sowas geschrieben wie "Ich merke, wie ich in den Flucht-Modus wechsel. Meine Art mit den Emotionen meiner Vergangenheit umzugehen.". Das ist ein Gedanke, der zu analytisch ist für eine Person, die in diesem Moment tatsächlich im Flucht-Modus ist. Denn wer tatsächlich im Flucht-Modus ist, hat seinen Fokus auf den Fluchtoptionen. Eine Analyse des Verhaltens wäre rückblickend möglich und passt besser zu einem Erzähler der dritten Person oder dem reflektierenden Ich-Erzähler.
Logischer wäre die folgende Formulierung: "Ich muss hier weg. Ich kann das nicht. Scheiße, wo ist die nächste Tür? Mein Puls rast. Die Stimmen um mich herum werden lauter, aber in dem Orchester aus Menschen erkenne ich nur noch Satzbruchtteile."
Wer intensive Geschichten schreiben möchte, mit einem starken Fokus auf der Charakterentwicklung, bei der man als Leser involviert ist, lohnt sich diese Erzählperspektive.
Ein Nachteil dieser Perspektive ist, dass nicht alle Lesenden es gerne aushalten so nah im emotionalen Geschehen zu sein. Besonders dann, wenn ihnen die Lebensrealität nicht vertraut ist.
Der reflektierende Ich-Erzähler
In dieser Erzählperspektive blicken die Charaktere auf ihre eigene Geschichte zurück und erzählen was ihnen passiert ist. Diese Perspektive schafft dadurch etwas Distanz zum Geschehen und hat dadurch Platz für Reflektionen, Einordnungen und poetische Formulierungen.
Viele der erfolgreichsten New Adult Autorinnen nutzen diese Perspektive, wie z.B. Lilly Lucas, Mona Kasten, Lena Kiefer, Maren Vivien Haase, Alexandra Flint, Gabriella Santos de Lima, Merit Niemeitz, Ana Huang oder Brittainy Cherry.
Der Vorteil dieser Perspektive ist, dass den Lesenden immer an die Hand gegeben werden kann, was sie hier gerade mit den Figuren erleben. Dadurch erleben wir Lesenden weniger Spannung beim Lesen und das Erlebnis wird etwas gemütlicher. Diesen Effekt sieht man auch in den Rezensionen, denn die Bücher der oben genannten Autorinnen werden häufig als Safe Spaces, Cosy Reads oder Wohlfühlorte bezeichnet.
Und genau weil so viele der erfolgreichsten Autorinnen diese Erzählperspektive nutzen und gezeigt haben, dass sie genau deswegen so erfolgreich geworden sind, verstehe ich die Schlussfolgerung nicht, dass der Unmittelbare Erzähler erfolgreicher sei.
Können wir wieder anfangen die Erzählperspektive passend zum Schreibstil zu wählen und nicht danach, was man gerade als Trend sieht?
Denn das was ich aktuell beobachte ist, dass Autorinnen, die früher ihre Geschichten in der reflektierenden Ich-Erzählperspektive geschrieben haben, plötzlich ihre Geschichten in der Gegenwart schreiben, ohne den Rest ihrer Geschichte an diese Perspektive anzupassen. Das Resultat davon wird in den Rezensionen sichtbar, auch wenn die Lesenden nicht ganz greifen können woran es liegt. Die Geschichten wirken distanziert oder unrealistisch.
Die Geschichten, die in der Gegenwartsform geschrieben werden, funktionieren weil sie unverblümt ehrlich sind und genau die Zielgruppe finden, die in die Köpfe anderer Menschen eintauchen möchte. Die Fähigkeit, das Erleben zu beschreiben ohne es zu sofort einzuordnen, ist das, was diese Perspektive beliebt macht. Das ist handwerkliches Können, das nicht jede Geschichte braucht.
Und genauso ist es eine Kunst, eine Reflektierende Ich-Erzählperspektive durch bildhafte Beschreibungen und poetische Metaphern lebendig zu machen.
Beides hat ihre Zielgruppe.

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